Welch berührende Kraft Gedichte haben können

Diese Erfahrung konnte am 16.10. das Publikum im Wiescheider Treff machen, als die Germanistin Elke Nußbaum unter dem Titel „In meinem Träumen läutet es Sturm“ die Lebensspuren der Lyrikerin Mascha Kaléko (1907-1975) nachzeichnete.

„Ich habe mit Engeln und Teufeln gerungen“ so Kaléko und jede Lebensphase, ihre Krisen, ihre unsicheren Zeiten und ihr Doppelleben – alle hatten ihre eigenen Gedichte und Texte. Elke Nußbaum las diese mit einleitenden Kommentaren so eindrücklich, dass es das Publikum kaum verwunderte, dass Mascha Kalékos „Lyrisches Stenogrammheft“ auf der Verkaufsliste deutschsprachiger Gedichte mit 100.000 verkauften Bänden gleich nach Goethe mit 138.000 Exemplaren rangiert- wie es dem Bulletin des PEN-Zentrums zu entnehmen ist. Aber die Auflagenhöhe steht nicht im Verhältnis zur gegenwärtigen Bekanntheit: Kaléko ist berühmt – und doch unbekannt, weil ihre literarische Karriere durch den aufkommenden Nationalsozialismus jäh gestoppt wurde. Als Jüdin, aber auch als selbstständige Künstlerin passte Mascha Kaléko nicht in das Frauenbild der Nationalsozialisten und im August 1935 wurde ihr jede weitere schriftstellerische Tätigkeit verboten und der Verkauf ihrer Bücher in Deutschland untersagt.

Nach dem Krieg fand Mascha Kaléko wieder ein großes Publikum. Die „Gebrauchslyrik“, die niemals platt erschien, sondern zu Herzen ging oder spöttisch scharfsinnig und spielerisch elegant daherkam, war nicht bestimmt für die Randständigkeit. Ihre Gedichte sind so gut zu merken, so leicht auswendig zu lernen, so witzig und kraftvoll, dass sie unter anderen Umständen ohne Zweifel noch so populär geworden wäre wie Heine, Ringelnatz oder Kästner. Dass es nicht so kam und dass es nach den leuchtenden Jahren in ihren Werken vor allem um Emigration, Heimatlosigkeit, Trauer und Verlust ging, war natürlich eine Folge der katastrophalen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts.

Berührt von der Kraft der Poesie, dem Lebensschicksal dieser Dichterin, der Unsterblichkeit Aktualität, Witz ihrer Lyrik war das Publikum im Wiescheider Treff ergriffen. „Mein schönstes Gedicht? Ich schrieb es nicht. Aus tiefsten Tiefen stieg es. Ich schwieg es.“ Die Zuhörenden schwiegen mit.

Mascha Kaléko starb vor 50 Jahren- an diesem Abend wurde sie noch einmal lebendig und Frau Nußbaum wurde mit dankbarem Applaus verabschiedet.