
Von Othello, seiner „Schundkasse“ und dem Preis für die schönste Ordnung
Was diese ungewohnten Begrifflichkeiten mit einem Theaterverein zu tun haben, präsentierte Martin Bornemann im voll besetzen Wiescheider Erzählcafé am 3.Mai. Das Eintauchen in die Welt des Laientheaters vor 120 Jahren in Langenfeld Wiescheid brachte Kurioses und Historisches, vielleicht auch Nachahmenswertes zu Tage.
Martin Bornemann zeichnete die Geschichte des Theatervereins Othello in der Zeit von 1905-1956 nach und stützte sich auf die Recherchen der Nachfahren des Gründers August Klein, der Urenkelin Susanne Schmitz-Hof, die mit ihrer Mutter Christel Schmitz sowie Marlies Sawinsky, geb. Zimny, einer damaligen Kinderdarstellerin anwesend waren. Welch ein Ereignis, so viele Nachfahren der Theatermitglieder bei diesem Erzählcafé in mehreren Generationen erleben zu können!
Diese Teamarbeit förderte Schätze ans Tageslicht, denn so erfuhr das Publikum die ungeheure Leistungsfähigkeit und Reichweite des „Dilettantentheaters“,das 125 Stücke zur Aufführung brachte. Neben ihrer Arbeit als Bauern, Handwerker, Arbeiter und Hausfrauen ließen es sich die Mitglieder des Theatervereins nicht nehmen,1x pro Woche zu proben, Requisiten, Bühnenbilder und Kostüme selbst zu gestalten, Drehbücher zu lesen, Rollen zu erlernen. Dabei folgte die Probenarbeit besonderen, selbst auferlegten Regeln: wer zu spät kam, wurde mit einem Bußgeld für die sog. „Schundkasse“ belegt; wer sich betrunken im Spiel zeigte, wurde ausgeschlossen; wer nicht richtig seine Rolle lernte, wurde gerügt. Von allen Sitzungen des Theatervereins wurden Protokolle angefertigt, pro Jahr füllten zig Seiten die Protokollbücher, die Aufschluss über die Arbeit des Vereins und seiner Mitglieder gaben.
Unglaublich, welches Engagement dahinterstand und wie es dem „Bauernverein vom Lande“ im Theaterwettbewerb 1913 in Köln-Dellbrück gelang, „in der 1. Klasse den Ehrenpreis, den 1. Damenpreis und im Festzug den 2. Preis für die schönste Ordnung“ zu gewinnen. Dank der Protokollbücher und alter Zeitungsartikel, die Martin Bornemann zur Verfügung gestellt wurden, konnte ein umfassendes Porträt des Vereins erstellt werden. Die Mitglieder des Vereins konnten noch singen, musizieren und trauten sich die Inszenierung von Opern und Operetten zu, deren Aufführungen umjubelt wurden und nicht auf kleinen Hinterhofbühnen stattfanden, sondern der Verein füllte große Säle in Langenfeld und Umgebung.
Das Publikum im Wiescheider Treff kam aus dem Staunen nicht mehr raus, was zur damaligen Zeit ohne weitere technische Hilfsmittel möglich war. Es gab eine lebendige Kulturszene der „einfachen Leute“, die selbst organisiert Großes auf die Beine stellten.
Dass die Recherche in eine kulturgeschichtliche Epoche vor gut 100 Jahren nicht bedeutungslos für die Gegenwart ist, machte die lebhafte Diskussion untereinander nach dem Vortrag deutlich:
“Wie die das nach der schweren Arbeit schafften, sich zu Fuß auf den Weg zu den Proben zu machen; viele hatten ja gar kein Fahrrad – einfach bewundernswert.“
„Dass meine Opa Regisseur war und auch meine Oma mitgespielt hat, wusste ich gar nicht“.
„Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie viele neue Erkenntnisse aus solchen mehr oder weniger privaten Quellen gewonnen werden können“
Mit großem Applaus und Dankesgeschenken an Martin Bornemann und Susanne Schmitz-Hof endete dieser vergnügliche, lebendige und informative Theater-Nachmittag. Und wer noch die alten Zeiten nachlesen wollte, konnte sich eine 55 Seiten umfassende Broschüre mitnehmen. (DS)




